Steffen Kopetzky – Damenopfer - Koreander
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Steffen Kopetzky – Damenopfer
Geschichte passiert nicht einfach. Geschichte wird gemacht . Das ist heute leicht dahingesagt, hat aber einen grundsätzlichen Bewusstseinswandel als Voraussetzung. Der Gedanke, dass Menschen nicht schicksalsgebunden sind, dass Geschichte nicht göttlich vorbestimmt und die Gesellschaftsstruktur mit dem herrschenden Adel nicht gottgewollt ist, entsteht erst vor rund 250 Jahren. Einer der Grundpfeiler der Französischen Revolution. Doch es dauert in Europa noch viele Jahrzehnte bis der Gedanke um sich greift und sich gegen starke Widerstände und Gegenbewegungen durchsetzt. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts bestimmen Könige, Kaiser und Zaren über das Schicksal der Menschen. Doch die Revolutionen stehen vor den Toren der Schlösser, Burgen und Paläste. Den Startschuss gibt die Oktoberrevolution 1917 in Russland. Der Zar wird in die Verbannung getrieben und die marxistisch-kommunistischen Bolschewiki unter Wladimir Iljitsch Lenin übernehmen die Macht. Dabei rollt die Geschichte nicht einfach über die Individuen hinweg, es sind die Individuen, die handeln. Mit mehr oder weniger Gestaltungsmacht. Und Proletariat und Bürgertum kämpfen um ihren Anteil.
Die großen Akteure der russischen Revolution und des anschließenden russischen Bürgerkriegs sind bekannt. Allen voran Lenin und Lew Dawidowitsch Bronstein besser bekannt als Leo Trotzki . Mit dem Tod Lenins entbrannte unter den Bolschewiken und innerhalb der Kommunistischen Partei ein Machtkampf um die Führung und inhaltliche Ausrichtung, den überraschend Josef Stalin für sich entscheiden konnte. In dieser Gemengelage aus (gescheiterter) Weltrevolution, verratenen sozialistisch-kommunistischen Idealen, Macht- und Flügelkämpfen, Aufbruchstimmung des Proletariats und zugleich Konsolidierung der Welt- und Kolonialmächte nach dem Ersten Weltkrieg entdeckt Larissa Reissner in Kabul einen militärischen Geheimplan, der die Welt aus den Fugen zu heben vermag. Es könnte die Zündschnur sein, für die Bombe, die die Weltrevolution doch noch einmal entfacht und die die imperialistischen Mächte, allen voran das Vereinigte Königreich, stürzen könnte.
Die losen Enden der Geschichte
Larissa Reissner (1895–1926), die Leo Trotzki die „Madonna der Revolution“ nannte, ist eine schillernde Persönlichkeit vor allem der frühen 1920er Jahre. Steffen Kopetzky hat diese außergewöhnliche Protagonistin wiederentdeckt und ihr mit Damenopfer ein Denkmal gewidmet. Reissner ist Schriftstellerin, Kriegsgegnerin, die dennoch in den Krieg zieht, sogar als Kommissarin der Wolgaflottille, Spionin und Revolutionärin. Getrieben vom Gedanken der Freiheit aller Völker will sie nicht weniger als die Welt verändern. Kopetzky hat dieses widersprüchliche, facettenreiche, verwirrende und teils geheime Leben rekonstruiert und in einen historischen Roman verwoben. Dabei hat er die losen Enden der Geschichte geschickt verbunden, die weißen Stellen künstlerisch gefüllt. So ist allein das Kapitel über Katharina die Große genial eingearbeitet. Aufgrund einer minimalen Verbindung, die man mit der Lupe suchen muss, hat er einen Faden gesponnen, der wieder einmal zu Larissa Reissner führt und dabei großartige Stimmung erzeugt.
Das ist auch das Konzept des Romans. Der Vielschichtigkeit von Reissners Persönlichkeit, steht die komplexe weltpolitische Situation nach dem Ende des ersten Weltkriegs gegenüber. Diese unübersichtliche Lage greift Kopetzky literarisch auf und arrangiert ein Panorama, eine Collage, ein Gesamtbild von Leben und Wirken Larissa Reissners. Eine Umfeldbeleuchtung, um zu verstehen und nicht nur zu erzählen. Was dem ein oder der anderen Rezensent*in zu viel ist. Zu viel Kontext, zu viele Perspektiven, zu viel Drumherum. Als würde es nicht genau darum gehen. Als könnte man einer so differenzierten Person und einer so verworrenen Zeit mit einer simplifizierten Geschichte gerecht werden. Der Roman ist dem Feuilleton zu komplex, zu verzweigt, zu unübersichtlich. Dabei ist genau das, das Herausragende an dem Roman, der den Zeitgeist genial einfängt.
Den roten Faden durch den Roman bildet Larissa Reissners Leben im Allgemeinen und ihre Beerdigung im Besonderen. Kopetzky lässt viele Stimmen zu Wort kommen, bietet eine Multiperspektivität an, bei der Weggefährt*innen sich erinnern oder auch nur ein Ausschnitt aus Friedrich Engels „Über die Gewalttheorie“ von 1887 die entsprechende Atmosphäre verbreiten soll. Bei Computerspielen würde man von Immersion sprechen, die hier eindrucksvoll literarisch umgesetzt ist. Reissner und die Zeit der Weltrevolution kann man heute nicht im Rahmen eines einzigen Romans erfassen. Man kann aber fiktive Zeitungsberichte, Reportagen, Briefe, Zitate, Erinnerungen so miteinander montieren, dass bei den Leser*innen ein Gefühl für die Lebensumstände, die Situation entsteht.
So finden sich großartig detaillierte Kleinigkeiten des Alltags, die man erstmal entdecken muss, um sie so beiläufig einzufügen und damit überhaupt erst den Zeitgeist so lebendig einzufangen. Insgesamt ist der Roman ausgezeichnet recherchiert und fabelhaft komponiert. Die profunde Kenntnis der zeitgeschichtlichen Ereignisse und deren mehr oder weniger reale Verflechtungen wird noch überboten durch den belesenen Einblick in das tatsächliche Leben der 1920er Jahre. Was trug man, was las und trank man, wie reiste und speiste man und was machen all diese damaligen Gewohnheiten oder Neuerungen mit den Gedanken und Gefühlen der Menschen. Zu keinem Zeitpunkt wirken Gespräche oder Handlungen Fehl am Platz. So man denn die dezente Liebesgeschichte nicht für zu fiktionalisiert hält.
Aber was ist schon eine private Liebesgeschichte gegen Reissners Liebe zur Freiheit. Mithilfe des geheimen Plans will sie die Weltrevolution neu entfachen. Dazu benötigt sie allerdings den Urheber des Plans, einen deutschen Militär. Von Kabul über Moskau nach Berlin, Leipzig, St. Petersburg und zurück. Sie will nicht weniger als ein geheimes Bündnis zwischen der Roten Armee und der Reichswehr erwirken. Eine Tatsache, die vielen nicht bekannt sein dürfte.
Dabei steht Larissa Reissners Leben pars pro toto für das jähe Ende der Hoffnungen der Weltrevolution. So wie Reissner in jungen Jahren stirbt, so wird eine ganze Ideologie zu Grabe getragen. Der Wille zur Freiheit der Völker führte direkt in die Diktaturen des 20. Jahrhunderts mit seinen Abermillionen Toten. Die Weltrevolution bleibt aus, der Kommunismus pervertiert zur Staatsdiktatur, der Westen fördert den antikommunistischen Faschismus und am Ende sterben Viele für die Interessen Weniger. Geschichte wird gemacht, aber nicht alle sind gleich mächtig.
Larissa Reissner – kein Damenopfer
Von der Komposition her, die unterschiedlichen Perspektiven und verschiedenen Erzählstile, erinnert es ein wenig an Data Tutaschchia von Tschabua Amiredschibi. Ein intellektueller Roman, der sich als solcher auch gefällt. Gewollt anspruchsvoll, komplex mit zahlreichen Anspielungen auf Personen und Geschehnisse des historischen Kontextes. Das macht zugegeben Spaß, enthält aber natürlich auch eine ordentliche Prise Narzissmus. Der Autor bedient die Selbstgefälligkeit der Leser*innen. Ein Geben und Nehmen. Der wohlige Rausch der Distinktion vereint Autor und Publikum. Das soll gar nicht den Wert des ganz wunderbaren Romans schmälern. Aber ein wenig kritische Selbstreflexion kann nicht schaden.
Auf Seite 121 findet sich ein Auszug aus der Reportage „Vanderlipp in Afghanistan“ von Larissa Reissner. Ein an Wortmächtigkeit kaum zu überbietender Abschnitt. Ein verdichteter, an allegorischer Rhetorik reicher Erzählstil, der verdeutlicht, weshalb die 1920er Jahre als der Höhepunkt der deutschen Reportage gelten. Und hier greifen Fakt und Fiktion auch auf anderer Ebene ineinander. Denn Steffen Kopetzky hat bei seiner äußerst gründlichen Recherche auch zahlreiche Reportagen von Reissner wiederentdeckt und wird diese im kommenden Frühjahr in einem eigenen Sammelband herausgeben. „ 1924. Eine Reise durch die deutsche Republik – und andere Reportagen aus der Epoche der Weltrevolution .“ Eine ausgezeichnete Symbiose von Roman und Sachbuch, von Unterhaltung und Information, von Erzählung und Aufklärung. Geschichte und Geschichten – beides wird gemacht.
Mehr Informationen inklusive Leseprobe gibt es direkt bei Rowohlt .
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